From "Springerin", Oct 2002

Welt in der Tasche?

Über das Netzprojekt »VOPOS« der italienischen Gruppe 0100101110101101.ORG

By Vera Tollmann

Im Dezember letzten Jahres haben sich die Europäische Union und die Europäische Weltraumorganisation darauf geeinigt, bis 2005 ein europäisches Konkurrenzunternehmen zum US-amerikanischen Global Positioning System (GPS) aufzubauen. Das zivile System »Galileo« soll aus 30 Satelliten bestehen und den gesamten Globus erfassen(1). Die EU argumentiert, sich durch diesen Entschluss nicht von dem - auch militärisch genutzten - GPS abhängig machen zu wollen und deshalb über einen eigenen Überwachungskomplex verfügen zu wollen. Als Endverbraucher des geografischen Ortungssystem werden unter anderem Zoll, Justiz, Verkehrswesen und Tourismus genannt. Am 1. Mai gab das Weiße Haus in Washington bekannt, dass fortan die »SA« (Selective Availability), welche bei Geräten in zivilem Gebrauch zu ungenaueren Ergebnissen führte, eingestellt wird.

Beide Entscheidungen weisen darauf hin, welche zentrale Rolle Satellitensysteme neben den Telekommunikationssystemen Telefon und Internet im Alltag einnehmen werden oder bereits eingenehmen. Die Entwicklungen hin zu einer immer perfekteren universalen Überwachungsmethodik bleiben im aktivistischen(2) und künstlerischen Umfeld nicht unkommentiert. Waren es Ende der neunziger Jahre insbesondere Reaktionen auf die - teilweise - flächendeckende Installation von Videokameras im öffentlichen Raum,(3) so zeichnet sich jetzt ein neues technologisches Paradigma der Medienkunst ab. Neben netzimmanenten Arbeiten zur Überwachung von Datentransfers(4) arbeiten erste KünstlerInnen bereits mit GPS, wie beispielsweise die Documenta-TeilnehmerInnen tsunamii.net. Dabei geht es um eine netzbezogene Herangehensweise: tsunamii.net suchten für die realen Orte, an denen sie auf ihren Reisen vorbeikamen, Entsprechungen im Netz. Es geht um ein alternatives Mapping des Internet.

Auch das aktuelle Projekt von 0100101110101101.org mit dem ungelenken Namen »VOPOS«, dessen Referenz zu DDR-Streifenpolizisten als Repräsentanten eines historischen Überwachungsstaates nicht viel mehr als eine »Radical chic-Ästhetik anzeigt, funktioniert unter anderem per GPS. Tania Copechi und Renato Pasiopani, wie sich die Betreiber von 0100101110101101.org nennen, tragen einen GPS-Transmitter mit sich, der via Handy die erhaltenen Daten an einen Server schickt, über den diese wiederum mittels Software auf der Website visualisiert werden. Die UserInnen können also anhand eines digitalen Stadtplans von Barcelona, dem deklarierten Aufenthaltsort des italienischen Künstlerpaares, ablesen, in welcher Straße sie sich aufhalten - ob einer oder beide,sei dahingestellt. Die Uhr lässt sich auch zurückstellen - dadurch kann man eine vage Route der Überwachten durch die Stadt rekonstruieren.

Bei »VOPOS« handelt es sich aber nicht um ein soziologisches Interesse an alltäglichen Streifzügen, wie es der situationistische Ansatz wollte, sondern um eine Kritik an dem Potenzial von GPS: Wer nutzt die ermittelten Koordinaten, und was sagt das elektronische Profil aus, das daraus abzuleiten ist? Die beiden AkteurInnen veranschaulichen nicht bloß die Funktionsweise von GPS in einem größeren Kommunikationsverbund, sondern ihre künstlerische Strategie liegt auch in der Verweigerung ihrer Identität sowie einer narrativen Ebene, die jene Aufenthaltsorte erklären könnte. Außer man verfügt über eine genaue Ortskenntnis und die entsprechenden Interpretationsoptionen. Ebenso wenig lässt sich verifizieren, ob sie sich tatsächlich an den markierten Punkten aufgehalten haben oder nicht. Somit bleibt »VOPOS« auch ein Spiel mit Realität und Fiktion, Information und Desinformation. Denn die Kenntnis des potenziellen Funktionierens reicht schon aus, um die Perspektive des Überwachenden kritisch einzunehmen. Als zweiter Teil des langfristigen Projekts »Glasnost« führt »VOPOS« die intendierte Sammlung umfangreicher personenspezifischer Daten fort. Die erste Phase - die weiterhin auf der Website existiert - bestand in dem Teilprojekt »life_sharing«(5).

0100101110101101.org stellten die lokale Festplatte ihres Computers ins Netz und machten somit ihre privaten E-Mails, Projektskizzen und Software öffentlich verfügbar. Worin liegt also der künstlerische Mehrwert des Projekts? Inwiefern wird hier nur auf etwas vorbereitet, das später kommerziell verwertbar ist? Nach den Erfahrungen mit der »BigBrother«-Serie wäre schließlich ein ähnliches Szenario auch mittels GPS-Technologie vorstellbar: Eine Gruppe - die Überwacher - muss eine andere - die Überwachten - an der Umsetzung ihrer Spielaufgabe hindern. Genau an dieser ambivalenten Stelle zwischen affirmativen Slogans wie »put the world in your pocket« eines Mobiltelefonherstellers und dem nicht-kommerziellen Herstellen von Transparenz ist »VOPOS« angesiedelt.

 

http://0100101110101101.ORG

1 http://europa.eu.int/comm/energy_transport/de/gal_de.html
http://europa.eu.int/comm/energy_transport/en/gal_en.html (Galileo Homepage)
http://www.heise.de/newsticker/data/dz-01.12.01-003 (Meldung über Entscheidung für Galileo, 1. Dezember 2001)

2 http://www.bigbrotherawards.at

3 Vgl. die Surveillance Camera Players: http://www.notbored.org/the-scp.html

4 Vgl. die Software Carnivore: http://rhizome.org/carnivore

5 Vgl. Marina Grzinic, »Das Leben zurückgewinnen«. In: springerin 1/00 Erschienen in 'springerin' 3/02