From "Orf", 21 Jan 2000


Beliebtes Spielchen "Netzkunstraub"


Von Simon Hadler

Matthew Mirapaul ist so etwas wie der gute Onkel der Netzkunstszene. Wohlwollend berichtet er seit 1996 14-tägig in der New York Times über die neuesten Entwicklungen im Bereich der "Digital Arts". Diese Woche aber ist der Onkel böse geworden und erhebt mahnend den Finger.

Stein seines Anstoßes: "Gerade jetzt, da die Kunstszene beginnt, digitale Kunst ernst zu nehmen, hören die Künstler selbst damit auf." Zum Beispiel, indem sie andere Kunstseiten verbotenerweise kopieren - eine mittlerweile gängige Praxis unter Netzkünstlern.

Documenta X x 2

Der erste aufregende Netzkunstraub fand 1997 statt, als sich die Documenta X in Kassel pionierhaft und intensiv mit Netzkunst beschäftigte. Denn bereits wenige Wochen nach Ende der Ausstellung wurde die aufschlussreiche Documenta-Site grundlos aus dem Internet entfernt. Zu spät, wie sich herausstellte. Denn der slowenische Web-Aktionist Vuk Cosic hatte sie bereits vollständig kopiert und veröffentlichte einen Spiegel der verschwundenen Seiten auf seinem Server.

Die rührigsten Kopierer sind heute jedoch zweifellos 0100101110101101.ORG, die in einer spektakulären Nacht-und-Nebel-Aktion die gesamte, normalerweise nur für zahlendes Publikum geöffnete Online-Galerie Hell.com hackten und seitdem, trotz Androhung gerichtlicher Verfolgung, auf ihrem Server der Öffentlichkeit zugänglich machen (hier geht's zum Spiegel).

"Nur Originale sind aktuell"

Ihre aktionistische Kritik an der "Verkommerzialisierung" der Netzkunst wiederholten 0100... mit Olia Lialinas Verkaufsgalerie art.teleportacia. Lialina zeigt sich in einem E-mail an die Mailing-List nettime wenig beeindruckt: "Du kannst die Galerie hundert Mal kopieren. Aber bereits am nächsten Tag hast Du nichts als veraltete, nicht weiter aktualisierte, tote Seiten mit nicht mehr funktionierenden Links, da ich nur das Original update. Es gilt für alle Online-Kunst: Nichts ist jemals komplett, alles kann sich jeden Moment ändern. Und dieser Moment ist der Unterschied zwischen Kopien und Originalen."

Nichts desto trotz wird im Netz munter weiter dupliziert. 0100... kopieren und verändern die Vatikan-Seite. Der Vatikan schnappt ihnen die Netzadresse www.vaticano.org weg. 0100... protestieren und laden die Fake-Site auf ihren eigenen Server.

Wie Du mir, so ich Dir, Du mir, ich Dir...

Plagiarist.org (Kopierer-Konkurrenz) kritisieren 0100... und kopieren deren Seite. 0100... ihrerseits kopieren die Plagiarist.org-Seite (die ihre eigene beinhaltet) und fordern plagiarist.org heraus, zurückzukopieren... Das Spiel würde wohl ewig so weitergehen, wäre unbeschränkt Server-Platz vorhanden.

Matthew Mirapaul jedenfalls seufzt angesichts des kindischen Treibens und hofft: "Das Internet ist wirklich das wichtigste Medium unserer Zeit. Vielleicht kommen uns im nächsten Jahr neue Ideen, was man damit anfangen kann."

Links:

Mathew Mirapauls Kolumne arts@large. Aktuell: The Latest in Digital Art: Stunts and Pranks

RTmarks Vaticano-Protest-Seite

Interview mit 0100... in Telepolis

Rewired-Artikel über die Documenta X-Aktion Vuk Cosics