From "ÖEH", Jul 2001

Computervirus als Kunstwerk

Die Sicherheitsbehörden betrachten VirenprogrammiererInnen inzwischen als Schwerkriminelle und drohen mit drakonischen Strafen.

by W.C.H.

In den Medien bricht regelrechte Hysterie aus, wenn sich wieder ein mehr oder weniger bösartiger ÑWurmì mit Hilfe der fehlerhaften Programme des Software-Monopolisten Microsoft verbreitet. Beinahe noch schlimmer: Inzwischen verbreiten sich fast schon mehr Falschmeldungen über gar nicht existente Viren explosionsartig im Netz und sorgen für besorgte Nachfragen.

Trotzdem oder vermutlich gerade deshalb wurde auf der diesjährigen Biennale in Venedig ein extra für dieses Kunstfestival geschaffener Computervirus namens Ñbiennale.pyì ausgestellt. Die Gruppe 0100101110101101.org druckte den Code auf ein drei mal vier Meter großes Transparent und präsentierte dieses im slowenischen Pavillon zusammen mit zehn goldenen CD-ROMs, die den Virus enthalten.

Wenn das Erregen von Aufmerksamkeit eines der Hauptziele der Kunst sein sollte, wurde dies hier perfekt realisiert. Die Gruppe mit dem kryptischen Namen bewegt sich jedenfalls strikt im Kunstkontext. Schlagartige Bekanntheit erlangte sie 1999 durch das illegale Kopieren eines Netzkunst-Archivs. Während das Archiv 48 Stunden unentgeltlich für die Öffentlichkeit geöffnet war, luden sie die gesamte Website herunter, die Ñgeraubtenì Inhalte sind bis heute auf ihrer eigenen Website zu sehen. Genauso wie die einstigen ÑNewcomerì in der Netzkunstszene aber nicht etwa die Websites von Disney oder CNN kopierten, was wohl bedrohliche juristische Auseinandersetzungen provoziert hätte, ist ihr Virus nicht darauf ausgelegt, Schaden anzurichten. Er ist ausschließlich auf Selbstvervielfältigung angelegt. Außerdem basiert biennale.py auf einer Programmiersprache, die auf gängigen Computern nicht eingesetzt wird.

Link:

www.0100101110101101.org