From "Netzeitung", Jan 2001

Von Internetmythen und Datennudisten

Am Sonntag ging der 14. Stuttgarter Filmwinter zuende. Das viertägige Festival informierte nicht nur über den aktuellen Stand des internationalen Kurz- und Dokumentarfilms, sondern widmete sich in verschiedenen Diskussionen den Entwicklungen und Problemen der «Informationsgesellschaft».

Von Kito Nedo

Die westlichen Gesellschaften finden neuerdings im Internet ihre zentrale Metapher für den Fortschritt. Mancher mit dem Siegeszug des Computers verbundene Mythos, wie zum Beispiel das Versprechen des «papierlosen Büros», hat sich allerdings inzwischen von selbst enlarvt. Andere Mythen, etwa der Glaube, mit der Einführung von IT-Technologien sei das Zeitalter ewigwährender Prosperität verbunden, begannen erst vor kurzem angesichts der Situation an den Börsen zu bröckeln. In Stuttgart konfrontierte der Amsterdamer Medienkritiker Eric Kluitenberg in diesem Sinne die «Mythen der New Economy» mit den Realitäten der westlichen Metropolen. Laut Kluitenberg beschleunigt die New Economy Prozesse der Gentrifizierung etwa in San Francisco und Amsterdam so drastisch, dass man von einer neuen Qualität in der Stadtentwicklung sprechen könne. Ehemals langfristige Prozesse, wie etwa die Yuppiesierung von Künstlervierteln, die in London oder New York noch 15 bis 20 Jahre gedauert hatten, benötigten etwa in Amsterdam nur noch vier Jahre. Dezentrale Telearbeit sei also ein weiterer Mythos der New Economy.

IT-Arbeit und Avantgarde

Kluitenberg konstatiert stattdessen eine starke Ballung ökonomischer Prozesse an den Knotenpunkten der Netz-Backbones. Auch die Heroisierung des «Lifestyles der Netzsklaven», wie Kluitenberg Programmierer und Webdesigner bezeichnet, stoße im ganz realen Leben an ihre Grenzen. Auch wenn sich IT-Arbeiter selbst als Vorreiter einer neuen Avantgarde begriffen, arbeiteten sie doch durchschnittlich mehr und sozial schlecher abgesichert als ihre Kollegen in herkömmlichen Bereichen der Medienindustrie, wie etwa dem Fernsehen. So bliebe es Pflicht, den e-Hype mit einer ständigen und vor allem kritischen Bestandsaufnahme zu begleiten.

Überwachen, gut schlafen

Ebenfalls am Anfang steht die Kritik am Ausbau der Überwachungsgesellschaft. In deutschen Städten finden zur Zeit vermehrt Versuche statt, mittels Videoüberwachung öffentlicher Räume sogenannte «kriminelle Brennpunkte» zu kontrollieren. Im letzten Jahr führte die Installation einer Überwachungskamera in Leipzig zu so heftigen Bürgerprotesten, dass sich die Stadt gezwungen sah, sie wieder abzumontieren. Zum Thema «Videoüberwachung in Stuttgart» gelang es den Veranstaltern des Filmwinters, eine lokal relevante Diskussionsrunde zusammenzustellen: Am Tisch saßen unter anderen der Stuttgarter Bürgermeister für Umwelt, Sicherheit und Ordnung, Jürgen Beck, Polizeipräsident Martin Schairer sowie der Bielefelder Netz-Aktivist padeluun.

Während die Vertreter der Stadtverwaltung für die Installation von Überwachungskameras in Stuttgart warben, äußerte padeluun Bedenken gegen eine weitere Verschärfung der Überwachung des öffentlichen Raumes. Nichtöffentliche Räume, wie Bahnhöfe, Geschäfte oder Banken, seien dank Unternehmen wie der Deutschen Bahn AG bereits stark von Überwachungstechnik durchzogen. Schon während seiner Einzelpräsentation am Nachmittag hatte der Netzaktivist festgestellt, dass sich heutzutage weit weniger Widerstand gegen die Datensammelwut von Staat und Industrie formiere als etwa Anfang der 80er gegen die Volkszählung in der alten Bundesrepublik. So auch in Stuttgart: Bürgermeister Beck jedenfalls sieht die Einführung der Videoüberwachung von einem breiten Konsens in der Lokalpolitik getragen.

Daten-Nudismus gegen Überwachung

Eine subversive Strategie gegen den Orwellschen Überwachungsstaat könnte dagegen in der Überfütterung des Systems mit Informationen liegen. Das zumindest scheint die Idee der italienischen Netzaktivisten 0100101110101101.org zu sein. Auf dem Filmwinter präsentierten 0100101110101101.org ihr neues Projekt «life sharing», in welchem sie die Offenlegung aller auf ihrem Server befindlichen Daten (ja, auch ihre Emails) in Echtzeit betreiben. Die Stärke der Subkultur des Netzes bestehe nämlich nicht in ihrer Verborgenheit, sondern in ihrer Sichtbarkeit. Wie anders sollte es sonst möglich sein, dass bestimmte aktivistische Websites trotz Null-Marketings höhere Zugriffszahlen verbuchen könnten als so manche virtuelle Shopping-Mall? So wurden die Zuhörer ermuntert, den offenherzigen «data-nudism» der Italiener auf deren Website zu verfolgen. Sie versprachen: «Wir wollen soviele Daten wie möglich zeigen.»