From "de-bug", 13 Oct 2001
SOFTWARE AS CULTURE
Wizards of OS spekulativstes Panel
by Anne PascualEs gibt Menschen, die betrachten am liebsten alles als System, oder noch lieber als Software. Dieses Modell eignet sich hervorragend, entweder um (nicht sichtbare) Komplexität technophantastisch zu mystifizieren oder aber um vehement neue Oberflächen einzufordern, mit den das alltagliche Produzieren Sinn generiert. So gesehen lassen sich Software Entwickler in drei Kategorien einteilen. Mathew Fuller, uns bekannt durch I/O/D und in Berlin als Moderator zugegen, unterscheidet zwischen "Critical Software", "Social Software" und "Speculative Software". Unter der ersten Sorte lassen sich die sarkastischen Vertreter ihres Faches finden, die ihren Unfug mit den etablierten Standards und Formaten treiben, sich gegen Swing-, Windows- und andere Verbrechen wehren, wenn sie diese Systeme kurzerhand zum Gegenteil verkehren und als Spassmacher einsetzen. Ein Beispiel hierfür ist Adrian Ward, der Entwickler von Auto-Illustrator.
Die Open Source Gemeinde gehört zum zweiten Ressort, da Software dort durch das Verhältnisses der User zu dem Produkt getragen und definiert wird. In dem viele an der gleichen Sache basteln entsteht neuer Content, an dem wieder andere ihre Freude haben.Letzte Gruppe der Spekulativen fiel den Künstlern zu gute. Wer hätte anderes gedacht, neben den Naturwissenschaften traut man diesem Zweig noch am ehesten das Visionäre zu, was sich für Fuller irgendwo zwischen Fiktion und Text aufhält. Er sieht die Aufgaben spekulativer Software vor allem darin, neue "Sprachen" zu erfinden, mit denen sich das System "von innen" mit noch mehr Daten reformulieren lässt. Software als Produktionsmodus gedacht, der sich selbst generiert, in dem er die Kultur von den Funktionen der Maschinen mit einschließt. Fullers Beschreibung zielt tatsächlich auf eine bestimmte Art mit dem operativen Potential von Software umzugehen, dass unter dem Label Kunst verzeichnet ist. Die Schwierigkeiten Software Art zu definieren fällt übrigens nicht nur ihm schwer. Vor kurzem erst verfassten die Transmediale Jurymitglieder Ulrike Gabriel und Florian Cramer einen Bericht über die eigenen Bestimmungsversuche solcher Projekte.
Auf dem Panel von Wizards ging es aber auch um reale Exempel der Rede. Richard Wright präsentierte eine Analyse der beiden Postproduction Video Editing Systeme "Quantel" und "Adobe After Effects", denen er eine CD-Rom gewidmet hatte. Den wilden Part der Präsentation übernahmen 0100101110101101.ORG, dem Net Art- Künstlerpaar, jetzt in Barcelona lokalisiert. Um zu verdeutlichen welche Reaktionen ihr Beitrag für die Biennale in Venedig, ein Virus, dessen Code eigentlich eine romantische Liebesgeschichte (!) erzählt, ausgelöst hatte, lasen sie ein paar verwirrte Mails vor. Was wiederum zeigt, wie leicht eine Kultur der Wissenden eine der Unwissenden installiert. In diesem Fall mit Viren und Warnmeldungen.Die spekulativsten Gedanken und reichsten Ideen an diesem Vormittag stammten dann auch von Maurizio Lazzarato, dem Autor der "Umherschweifende Produzenten". Er skizzierte den Übergang der industriellen zur post-industriellen Gesellschaft und machte daran die Auswirkungen auf Arbeit, Besitz und Wert aus. Durch die Verschaltung der Wissensquellen entstehen neue Produktionsformen, die wesentlich kollektiv organisiert sind und unmittelbare Auswirkungen für alle mit sich bringen. Wie weit reichend die Folgen für die Autonomie dieser kooperativen Gesellschaften sind, vermag auch er nicht zu sagen. Software as Culture war ein wenig kontrovers diskutiertes Thema, dass sicherlich auch eine Blick auf kommerzielle Beispiele hätte vertragen können, um zu untersuchen, welche Gebrauchskultur tatsächlich vorherrscht.
Matthew Fuller
Maurizio Lazzarato
0100101110101101.ORG
Florian Cramer & Ulrike Gabriel: "On Software Art"