From "Blitz Review", 3 Nov 1999


Medienplausch zwischen 0 und 1


Christoph Blase

Einmal im Monat findet im Berliner WMF die mikro.lounge statt, eine Veranstaltung “zur Pflege von Medienkulturen”. Zu Beginn treten grundsätzlich technical problems auf, dann reden ein paar Leute mit Herzblut, aber meist eher unstrukturiert über ihre Projekte, was zuweilen sehr, sehr lange dauern kann. Davor und danach sagt das Moderator etwas nettes, nie etwas böses. Es folgen Publikumsfragen und wenn man Pech hat, geraten auch die Antworten lang, meist zitiert jemand noch irgendetwas. Zwischendurch holt man sich ein Bier, und spricht schnell dies und jenes mit diesem oder jener an, denn es sind stets viele da, die die Medienkulturen alle auf ihre Art pflegen. Und manchmal, ganz manchmal gibt es eine richtige gute Diskussion. Die Mikro.lounge ist Dilettantismus auf lockerstem und höchstem Niveau, hier bietet immer irgendjemand Harald-Schmidt-Show, ohne es zu merken. Ganz selten muß man allerdings höllisch aufpassen, weil dann plötzlich jemand verdammt gut ist. Insofern ist jeder Abend so oder so ein Gewinn.

Gestern abend wurde die inzwischen neunzehnte mikro.lounge gegeben, es ging so ein bißchen um Netzkunst. Man mußte nicht so sehr aufpassen. Doch am Ende kam es wieder zu einer schönen Diskussion, es wurden sogar Menschen der Lüge bezichtigt, die Angelegenheit verlief sich jedoch im Sande. Ausgangspunkt bildeten die Ausführungen der italienischen Gruppe 0100101110101101.ORG, deren Arbeit darin besteht, sich andere Netzkunstprojekte (nur solche, die man kennt) vom Rechner zu ziehen, sie bei sich zu speichern, ein wenig zu verändern und als das Ihrige wieder aufs Netz zu legen. Grob gesagt wird geklaut, weil ja sowieso alles aus Nullen und Einsen digital bestehende kopiert werden kann, jeder kann es sich aneignen und somit for nothing seine Netzkunstsammlung aufbauen. Dies führt zu einem Wertverfall der Ware Kunst, damit ist der Markt kaputt und alle können sich freuen. So weit, so naiv. Denn natürlich wurde sofort gefragt, ja wovon wird denn dann gelebt. Die lebenslange Künstlerrente kam ins Gespräch, ging jedoch sogleich im Gelächter wieder unter. Und wenn 0100101110101101.ORG selber etwas verkaufen würden, dann - sogar an Microsoft - für ganz kleines Geld, so wie an jeden anderen auch. Jemand warf ein, alles sei ja weniger net-art, sondern allenfalls net-craft. Und die EinsNuller meinten, sie würden sich ja gar nicht als Künstler sehen. Da war dann die Luft raus. Als ob die das zu entscheiden hätten.

 

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Daten: Die mikro .lounge 19 im WMF in Berlin fand am 3. November 1999 ab 20 Uhr statt. Gäste waren Debra Solomon mit the-living.org, dann Apsolutno und 0100101110101101.ORG, die Moderation besorgte diesmal Tilman Baumgärtl, der gut sortierte Büchertisch stammte wie üblich von b_books, wo es auch das neue Buch von Tilman zur Netzkunst gibt, das er zu Anfang nur einmal kurz erwähnte. Wer Schriftgrößen unter zwei Millimeter mag, kann außerdem versuchen, die gerade erschienene Dokumentation zu den mikro.lounges 1 bis 12 zu lesen, kostete gestern Abend 5 Mark, sonst 10 Mark, enthält außer kleiner Schrift auch viele kleine bunte Bilder. Der Inhalt ist zudem in der Netzversion nachles, -hör, und sehbar.