From "Berliner Zeitung", 15 september 1999

Netzkünstler ohne Netz

Dem Internetkunst-Duo Jodi wurde von ihrem Provider gekündigt. Der Grund: "bösartiger" Javacode

by Tilman Baumgärtel

In der Kunstszene sind Jodi berühmt. Das Duo gehörte zu den ersten, die Mitte der 90er-Jahre das Internet als Medium für ihre Kunst entdeckten. Ihre Experimente im World Wide Web haben ihnen Einladungen zu einigen der wichtigsten Ausstellungen für Gegenwartskunst eingebracht unter anderem zur documenta X. Eine wachsende Fangemeinde rund um den Globus bewundert die Programmiertricks der Holländerin Joan Hermskerk und des Belgiers Dirk Paesmans, den beiden Köpfen hinter der Website "www.jodi.org". Im April diesen Jahres wurden Jodi mit einem "Webby-Award", einer Art Internet-Oscar, ausgezeichnet.

Bei der amerikanischen Internetfirma "ValueWeb" kann man die Begeisterung für Jodi nicht teilen: Vor zwei Wochen bekamen die Künstler von der Firma, die ihre gesamte Website "hostet" (also auf ihrem Internet-Server gespeichert hat) eine E-Mail. In der hieß es: "Wie Sie wissen, enthält eine ihrer WWW-Seiten bösartiges Javascript, das den Browser abstürzen lässt... Bitte entfernen Sie diese Seite, oder wir sehen uns gezwungen, Ihre Seiten bei uns zu löschen."

Seither sind Jodi Netzkünstler ohne Netz: Sie mussten ihre gesamte künstlerische Arbeit aus den vergangenen fünf Jahren aus dem Internet nehmen. Wer jetzt die Webadresse www.jodi.org ansurft, findet dort nur noch die Droh-Mail von "ValueWeb" und kann seine Meinung in ein Gästebuch eintragen. In einer Woche kamen dort bereits über 400 Protestbotschaften zusammen. Stein des Anstoßes ist die Arbeit "OSS". Wer das Netzkunstwerk anklickt, erlebt sein blaues Internet-Wunder. Der Browser scheint plötzlich ein Eigenleben zu entwickeln und öffnet von selbst immer neue Fensterchen, die wild auf dem Monitor herumtanzen und nicht wieder zu schließen sind.

Wie man bei "ValueWeb" richtig erkannt hatte, löst eine Codezeile in der Programmiersprache "Javascript" das Computerchaos aus.

"Wir wollten den Browser auseinander nehmen", sagt Dirk Paesmans. "Das Internet ist kein Fernsehprogramm, und der Browser ist keine vollkommen stabile Software. Der kann auch verrückt spielen, wenn man sich die Homepage von Microsoft ansieht." Kunst ist für ihn die künstlerische Überprüfung der technischen Grundlagen des Internets: "Es ist von Anfang an das wichtigste Anliegen von Jodi gewesen, im Internet alles falsch zu machen, was man nur falsch machen kann. Das ist der Kern unserer ganzen Arbeit."

Seit 1995 betreiben Jodi auf ihrer Website den systematischen Missbrauch des Internets: Computer-Icons fliegen über den Monitor, seltsame Fehlermeldungen irritieren den Internet-Surfer, vollkommen abstrakte Seiten flackern und blinken solange, bis man die Netzverbindung kappt. Nicht nur bei "ValueWeb" hatte man in der Vergangenheit Schwierigkeiten, das organisierte Chaos des Duos als Kunst zu betrachten. Auch der Web-Index "Yahoo" verweigerte Jodi einen Eintrag in der Kategorie "Kunst".

Obwohl die beiden Künstler in Barcelona leben, haben sie ihre Website bei dem amerikanischen Provider "ValueWeb" eingerichtet, weil bei ihm die eigene Internet-Adresse billiger zu haben ist als bei der europäischen Konkurrenz. Dass die Firma aus Florida Jodi nun aus technischen Gründen den Dienst verweigert, ist ein neues Phänomen. Bisher waren Websites geschlossen worden, weil sie Pornografie oder politisch Radikales enthielten nicht wegen "bösartigem" Computercode.

Im Gästebuch, das Jodi auf ihrer Website angelegt haben, protestieren inzwischen Netznutzer aus der ganzen Welt gegen den digitalen Bildersturm. Ein empörter Jodi-Fan schreibt: "Die ganze Seite hat nie meinen Browser abstürzen lassen. Sie hat mich bloß immer wieder zum Lachen gebracht."

 

NETZKUNST // Was Sie oben auf dem Bild sehen, heißt "OSS" und ist preisgekrönte Netzkunst von dem belgisch-holländischen Duo Jodi.

Der Internetprovider der beiden Künstler sah das anders und nahm ihre Arbeiten von seinem WWW-Server - ein digitaler Bildersturm.

Ein Fan der Gruppe mit dem Pseudonym 0100101110101101. org hat bereits eine Kopie der gesamten Site im Netz veröffentlicht.

Die Jodi-Site: www. jodi. org Kopie der gelöschten Jodi-Site: www. 0100101110101101. org/jodi. org